Dies ist das Archiv der Website des Aktionsbündnis gegen geschlossene Unterbringung bis März 2014. Aktuelle Informationen finden Sie unter www.geschlossene-unterbringung.de

Pfad: Startseite > Senatsbeschluss: Hamburg führt wieder gesc...

 
Startseite Suchen Druckansicht Schrift verkleinern Schrift vergrößern imagemap

Pressemitteilung | Dienstag, 3. September 2002 | bsf

Senatsbeschluss: Hamburg führt wieder geschlossene Heime ein

Nach über 20 Jahren führt der Senat in Hamburg wieder geschlossene Heime für Kinder und Jugendliche ein. Noch in diesem Jahr werden in einem ersten Schritt 25 Plätze für Jugendliche und zehn Plätze für Kinder eingerichtet. Sollten diese Plätze nicht ausreichen, werden in einer zweiten Stufe die Einrichtungen entsprechend ausgebaut. Gleichzeitig hat der Senat beschlossen, zum 1. Dezember ein Familien-Interventions-Team (FIT) einzurichten. FIT gewährleistet, dass in Zukunft auf kriminelles Verhalten von Minderjährigen zügig und konsequent reagiert wird.

"Zentrales Ziel des heute (3.9.2002) beschlossenen Konzeptes ist, das Maßnahmenangebot um die geschlossene Unterbringung zu erweitern. Damit sollen die Möglichkeiten der Jugendhilfe im Sinne des Kindeswohls verbessert werden", erklärte Senatorin Birgit Schnieber-Jastram: "Es geht uns aber auch darum, mehr Familien frühzeitig bei der Erziehung ihrer Kinder zu unterstützen, damit eine geschlossene Unterbringung als ultima ratio gar nicht erst notwendig wird. Deshalb werden wir im Amt für Jugend ein Familien-Interventions-Team einrichten, das zügig reagiert und die Familien aufsucht."

Eltern in die Pflicht nehmen - das Familien-Interventions-Team

In Zukunft werden Kinder und Jugendliche, die Straftaten begangen haben oder der Polizei im Zusammenhang mit Straftaten aufgefallen sind, an das neue Familien-Interventions-Team gemeldet. Das FIT wird zum 1. Dezember 2002 im Amt für Jugend eingerichtet und soll in der Start- und Erprobungsphase mit vier Sozialarbeitern, zwei Psychologen und einer Bürokraft besetzt sein. Mit dieser neuen Einheit ist gewährleistet, dass es in Hamburg eine Institution gibt, die das Vorgehen der Jugendhilfe bei kriminellem Verhalten von Minderjährigen koordiniert. Die Behörde für Soziales und Familie geht davon aus, dass das FIT etwa 1.000 Meldungen im Jahr von der Polizei entgegennimmt, die sich auf 500 bis 600 Minderjährige beziehen.

Das FIT überprüft alle ihm gemeldeten Fälle unverzüglich darauf hin, ob eine unmittelbare Kindeswohlgefährdung vorliegt. Ist dies nicht der Fall, meldet das FIT diese Minderjährigen an den zuständigen Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) der Bezirksämter, der unverzüglich einen Hausbesuch durchführt und gegebenenfalls notwendige Hilfen einleitet. Diese Hilfen können aus dem gesamten Spektrum der familienunterstützenden Angebote, der offenen Kinder- und Jugendarbeit, ambulante oder stationäre Hilfen zur Erziehung festgelegt werden. Das FIT überprüft, ob der zuständige ASD tätig geworden ist und welche Hilfen eingeleitet worden sind.

Liegt eine unmittelbare Kindeswohlgefährung vor, die sich durch wiederholte oder einzelne schwere Straftaten äußert, führt das FIT unverzüglich selbst einen Hausbesuch durch. Im Rahmen dieses Besuchs werden die Eltern und der Minderjährige verpflichtet, sich an den einzuleitenden Maßnahmen zu beteiligen. Haben Maßnahmen im Vorfeld der geschlossenen Unterbringung keine Aussicht auf Erfolg oder verweigern die Eltern und der Minderjährige ihre Mitarbeit, stellt FIT direkt einen Antrag beim Familiengericht, entweder auf ein "Ermahnungsgespräch" oder auf den Entzug des Aufenthaltsbestimmungsrechts der Eltern, um die geschlossene Unterbringung einzuleiten.

"Das konsequente Aufsuchen der Eltern durch das FIT ist bundesweit neu. Wir nehmen die Verantwortung der Eltern für ihre Kinder ernst und geben ihnen und ihren Kindern die Chance, ihr Verhalten zu verändern und die bestehenden Probleme aus dem Weg zu räumen. Ist dies nicht möglich oder beteiligt sich die Familie nicht, wird ohne zögern gehandelt", erläuterte Senatorin Birgit Schnieber-Jastram.

Geschlossene Unterbringung

Nach über 20 Jahren führt der neue Senat wieder geschlossene Heime in Hamburg ein. In einem ersten Schritt werden 25 geschlossene Plätze für Jugendliche auf dem Gelände des jetzigen Kinder- und Jugendnotdienstes in der Feuerbergstraße und zehn Plätze für Kinder in einer oder mehreren bestehenden Einrichtungen hergerichtet. Reichen diese Plätze nicht aus, werden sie in einer zweiten Stufe bedarfsgerecht ausgebaut. Es soll dann eine Einrichtung mit 25 Plätzen für Kinder und eine zweite Einrichtung mit 50 Plätzen für Jugendliche geben.

Die geschlossene Unterbringung erfolgt in drei Phasen. Schritt für Schritt können die Kinder und Jugendlichen je nach Entwicklungsstand und Lernfortschritt mehr individuelle Freiheiten bekommen:

Phase 1: In den ersten Wochen werden die Minderjährigen in einer strikt geschlossenen Aufnahmegruppe untergebracht. Sie haben in dieser Zeit keinen unbegleiteten Ausgang und werden angeleitet, bestimmte Pflichten zu übernehmen. Außerdem wird erwartet, dass sie Anweisungen befolgen, zeitliche Vorgaben beachten und versuchen, sich in die Gruppe einzuleben. Des Weiteren wird mit ihnen eine Anschlussperspektive entwickelt, die auch berufliche Optionen enthält.

Phase 2: Es folgt ein Wechsel in eine der Regelgruppen der Einrichtung. Bis zu zweimal die Woche kann ein zweistündiger Ausgang außerhalb der Einrichtung erlaubt werden. Zu Beginn der Phase findet der Ausgang nur in Begleitung statt. Die Phase dauert bis zu sechs Monaten.

Phase 3: Die dritte Stufe sieht einen weiteren Zuwachs individueller Freiheiten vor. Unbegleitete Ausgänge können häufiger erfolgen. Außerdem werden konkrete Perspektiven für die Zeit nach der geschlossenen Unterbringung entwickelt. Bei positiver Entwicklung des Minderjährigen kann schließlich der Abschluss der geschlossenen Unterbringung erfolgen.

Werden in den Phasen 2 oder 3 zentrale Regeln und Absprachen nicht eingehalten, erfolgt eine Rückkehr in Phase 1 oder 2.

Angesichts der Ziele und ihres Alters sollte die geschlossene Unterbringung bei Jugendlichen in der Regel mindestens ein Jahr, bei Kindern je nach Bedarf länger dauern. Im Anschluss an die geschlossene Unterbringung erfolgt entweder die Rückkehr in die Familie oder eine Anschlussunterbringung in einer offenen Wohneinrichtung der Jugendhilfe mit dem Ziel der Verselbstständigung.

Das Konzept zur geschlossenen Unterbringung sieht wie folgt aus:

  • Die Aufnahme in die Einrichtungen erfolgt auf der Grundlage eines richterlichen Beschlusses nach § 1631 b BGB.
  • In den Einrichtungen gibt es einen streng geregelten Tagesablauf. Die Kinder müssen innerhalb der Einrichtung zur Schule, die Jugendlichen auf dem Gelände zur Ausbildung oder Arbeit gehen.
  • Es gibt verbindliche Regeln. Bei Verstoß wird konsequent reagiert.
  • Die Minderjährigen werden mit ihren Taten konfrontiert und durch Verhaltenstrainings dazu angeleitet, sich an Regeln zu halten und Konflikte gewaltfrei und angemessen zu lösen.
  • Die schulische und berufliche Bildung nimmt einen großen Stellenwert ein, um den Minderjährigen durch den Erwerb von Qualifikationen später die soziale Integration zu ermöglichen.
  • Nach einer Phase der geschlossenen Unterbringung können sich die Minderjährigen Schritt für Schritt - je nach Entwicklungsstand und Lernfortschritt - mehr individuelle Freiheiten erarbeiten.
  • Es gibt eine "Rund-um-die-Uhr"-Betreuung, die eine besondere Betreuungsdichte voraussetzt.
  • Es findet intensive Elternarbeit statt.

Diese Konzeption entspricht bundesweiten Standards geschlossener Unterbringungen. Pro Tag und pro Platz werden Kosten von 220 bis 250 Euro entstehen. Dies ist etwa so viel, wie ein Platz in einem geschlossenen Heim in Bayern oder Baden-Württemberg kostet. Ziel ist, den Minderjährigen in den Einrichtungen die Chance zu eröffnen, sich weiterzuentwickeln und Qualifikationen zu erwerben, die es ihnen später erlauben, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Es geht in den Einrichtungen darum, verbindliches Handeln mit fördernden pädagogischen Elementen zu verbinden.

Bei Bedarf wird eine dritte Einrichtung mit 15 Plätzen für Jugendliche eröffnet, bei denen anlässlich von Straftaten eine Kindeswohlgefährdung vorliegt und die vollziehbar und absehbar mit ihrer Abschiebung rechnen müssen. Für diese Jugendlichen, bei denen es sich überwiegend um Dealer handelt, ist das Stufenkonzept nicht sinnvoll. Bleibt der Bedarf deutlich unter 15 Plätzen, wird aus finanziellen Gründen auf eine spezielle Einrichtung verzichtet. Im Rahmen der geschlossenen Einrichtung für Jugendliche wird dann ein spezielles Angebot für diese Gruppe entstehen.

Senatorin Birgit Schnieber-Jastram: "Unser Konzept zeichnet sich durch seine Ausgewogenheit zwischen frühzeitiger Hilfe einerseits und konsequentem Durchgreifen andererseits aus. Durch FIT werden mehr Familien frühzeitig bei der Erziehung ihrer Kinder unterstützt. Bei Kindeswohlgefährdung, die sich durch die Begehung wiederholter oder schwerer Straftaten zeigt, wird mit der gebotenen Härte durchgegriffen. Denn diese Kinder und Jugendlichen müssen vor sich selbst und die Bürgerinnen und Bürger vor ihren Taten geschützt werden."

Weitere Maßnahmen

Neben der Begehung von Straftaten kann auch akut selbstgefährdendes Verhalten - wie etwa der dauerhafte Aufenthalt im Prostitutions- oder Drogenmilieu - ein Grund sein, der ggf. eine zügige und stationäre Maßnahme notwendig macht. Für diese Kinder und Jugendlichen, die nicht akut drogenabhängig sind, wird die Behörde für Soziales und Familie im Frühjahr 2003 ein Konzept über verbindliche Angebote vorlegen.

Für akut drogenabhängige Minderjährige ist eine geschlossene Unterbringung nicht geeignet. Diese Jugendlichen benötigen eine klinische Entgiftungsbehandlung und Drogentherapie, bevor eine geschlossene Unterbringung veranlasst werden kann. Die Entgiftungsbehandlung muss in den hierfür zur Verfügung stehenden spezialisierten Fachkliniken durchgeführt werden. Für die anschließend notwendige Drogentherapie im verbindlichen Rahmen erarbeitet die Behörde für Soziales und Familie in Abstimmung mit der Behörde für Umwelt und Gesundheit ein entsprechendes Konzept.

Rückfragen an:

Pressestelle der Behörde für Soziales und Familie

Anika Wichert, Tel.: 42863-2889, Fax: 42863-3849
Email: anika.wichert@bsf.hamburg.de

Im Internet: www.bsf.hamburg.de