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Text | Juli 2002 | Harald Ihmig

Interview mit einer Senatorin über wilde Tiere
Sketch zur Öffentlichen Vorlesung vor dem KJND am 10.7.2002

Dieser Tage war zu lesen, dass in Hagenbecks Tierpark von der Senatorin Birgit Schnieber-Jastram 3 Tigerbabys auf die Namen Kiara, Tarik und Taskan getauft wurden.

Gleichfalls war von der Senatorin zu lesen, dass straffällige Kinder künftig weggeschlossen werden.(1)

In einem Interview, das wir für Sie jetzt nachstellen unter weitgehender Wahrung des Originaltons, sind diese beiden Meldungen etwas durcheinandergeraten, aber wir meinen, dass es auch so einen Sinn gibt.

R: Frau Schnieber-Jastram, Sie haben kürzlich 3 ausländische Babys, Kiara, Tarik und Taskan getauft.

S: So, habe ich das?

R: Ja. Haben Sie damit ein Zeichen gesetzt, dass ihre Sozialpolitik einen missionarischen Charakter hat?

R: Wenn Sie so wollen, ja, ich bin Christdemokratin. Es wird sich in diesem Fall, soweit ich mich erinnere, um eine Maßnahme zur zügigen und konsequenten Integration türkischer Mitbürger gehandelt haben. Damit kann man gar nicht früh genug anfangen, - wenn sie schon einmal da sind.

R: Das überrascht mich etwas, aber gut. Wie soll es nun mit diesem Nachwuchs weitergehen?

S: Wie es sich gehört.

>R: Sie meinen, er wird dressiert?

S: Wenn Sie das so nennen wollen, ja. Wir haben dafür ein bundesweit einmaliges Konzept mit einem abgestuften Maßnahmekatalog entwickelt, das bundesweiten Standards entspricht und - das sei in aller meiner Bescheidenheit gesagt - in vorbildlicher Art und Weise verbindliches Handeln mit fordernden und fördernden pädagogischen Elementen verbindet.

R: Verstehe ich Sie richtig: Förderung durch Forderung?

>S: Gewiss doch.

R: Nun kommen diese Lebewesen ja bei aller Förderung nicht immer den Forderungen derer nach, die sie dressieren. Was dann?

S: Dann greifen wir sie uns. Wir haben da eine Greiftruppe gebildet, die sofort zugreift, nachdem die Polizei zugeschlagen hat. Wir nennen sie FIT, weil die eine Art Fitnesstraining durchzieht, das bringt Junge und Alte auf Vordermann.

R: Frau Senatorin, ihre Behörde, der BGS, Entschuldigung, die BSF, Behörde für Soziales und Familie, zügig Sofa, versteht sich also nun mehr als Vollzugsorgan der Staatsgewalt?

S: Warum nicht? Wir bezeichnen unser neues Fitness-Studio aber aus traditionellen Gründen auch als "Beratungsdienst". Da kommt halt alles zusammen. Allerdings: jeder, bei dem es verantwortbar ist ...

R: und das ist längst nicht jeder?

S: Nein, - jeder, bei dem es verantwortbar ist, bekommt zunächst seine Chance ...

R: Nur eine?

S: doch dann wird ohne Zögern schlüssig gehandelt. Auf aggressives Verhalten auch von Kindern wird in Hamburg künftig zügig, konsequent und mit der gebotenen Härte reagiert, um Fehlentwicklungen und Verfestigungen solcher Verhaltensweisen vorzubeugen.

R: Denken Sie an Schläge?

S: Ich schließe nichts aus, was wirkt.

R: Frau Senatorin, was schließen sie denn alles ein?

S: Ich schließe alles ein, was sich nicht fügt.

R: Sicher, das ist bei solchen Raubtieren ja üblich, Käfighaltung.

S: Genau, das ist am sichersten, für die anständigen Bürger und für sie selbst. Wir nennen das "geschlossene Unterbringung".

R: Aha. Denken Sie aus Sicherheitsgründen an eine lebenslange Käfighaltung oder, wie Sie sagen, "geschlossene Unterbringung?"

S: Nicht unbedingt. Diese gefährlichen Elemente sollen ja durchaus die üblichen Dressurinstanzen, wie Sie das nennen, durchlaufen, verschärft natürlich, und genießen so auch einen gewissen Freigang, natürlich nur innerhalb des Geheges. Auf Zuwiderhandlungen gegen die Regeln wird konsequent reagiert. Falls die Dressur Erfolg hat - ich nenne das Verhaltenstraining - können sie sich noch mehr individuelle Freiheiten erarbeiten. Sie wissen doch: Arbeit macht frei.

R: Frau Schließer-Jastram, mit Arbeit ist es ja so eine Sache. Dieser Tage war zu lesen, dass trotz Ihrer gewiss erfolgreichen Arbeitsmarktpolitik und Wirtschaftsnähe die Arbeitslosigkeit gegenüber dem Vorjahr um 13,2 % gestiegen ist.

S: Genau, und deshalb müssen wir eben noch härter gegenüber diesen Müßiggängern durchgreifen.

R: Ja, wollen Sie die denn alle wegschließen?

S: Erst einmal 90, dann sehen wir weiter. Eine mögliche Arbeitsbeschaffungsmaßnahme wäre doch z.b., dass sie immer mehr geschlossene Unterbringungen selber bauen. Wir setzen eben auf Selbsthilfe.

R: Das verstehe ich nun nicht, wie das möglich sein soll, Frau Schließer- Jastram. Wie sollen denn diese Raubtiere dazu fähig sein?

Schnieber-Jastram, bitte! Unser Auffassung nach sind sie zu allem fähig, darum hilft zunächst nur Wegschließen und Dressur durch Härte. Später können wir vielleicht einige wieder rauslassen, die anderen werden eben woanders hin weggeschlossen.

R: Aber, Frau Schließer-Jastram, wie sollen sie denn nach jahrelanger Käfighaltung zu einem Leben in freier Wildbahn fähig sein? Oder: Sie wollen sie doch nicht etwa auf die Menschheit loslassen?

S: Wenn sie gelernt haben zu parieren, warum nicht? Dann sind sie doch integriert.

R: Entschuldigung Frau Schließer-Jastram, aber ich verstehe sie immer weniger. Sie können doch keine wilden Tiere, auch wenn sie noch so gut parieren, in Freiheit lassen?

S: Sie haben Recht, das überlege ich mir auch manchmal . Es gibt da ein Restrisiko. Die baldige Abschiebung in die Heimatländer ist da sicherlich die glattere Lösung. Wir müssen uns da noch etwas überlegen. Wilde Tiere? nun, Sie sind da vielleicht doch etwas zu scharf geworden, wir als Christen sind da menschenfreundlicher. wir sagen lieber kriminelle Jugendliche, delinquente Kinder, minderjährige Straftäter etc. Im Grunde sind es ja die Terroristen von morgen. Menschen sind sie aber trotz allem, auch wenn man ihnen nicht ein so kostbares Gut wie Menschenrechte zubilligen kann.

R: Wieso Menschen? Nun verstehe ich gar nichts mehr. Sprechen wir denn nicht von den Raubkatzen in Hagenbecks Tierpark?

S: Ach so, davon sprechen Sie? Na wenn schon, so groß ist der Unterschied ja nicht oder?

R: Frau Schließer-Jastram, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

(1) Alle Zitate stammen aus der Pressemitteilung der Behörde für Soziales und Familie vom 2.7.2002