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Pressemitteilung | Sonntag, 15. September 2002 | isp

Stellungnahme zur Einführung der Geschlossenen Unterbringung in HH

Das Institut des Rauhen Hauses für Soziale Praxis (isp) ist selbst aus der Reform des Jugendhilfesystems hervorgegangen und hat die Umsetzung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes von Beginn an kritisch und konstruktiv mit innovatorischen Impulsen begleitet. Dazu gehörten u.a.

  • die Jugendhilfestationen mit dem Konzept der Jugendhilfen aus einer Hand, (1)
  • die Entwicklung der Fachleistungsstunde als einem seinerzeit progressivem Finanzierungsinstrument, (2)
  • die Erprobung "Gerechter Gemeinschaften" in Einrichtungen der Jugendhilfe,
  • die Evaluationsstudie "Erlebnispädagogik in den Hilfen zur Erziehung" (3) sowie
  • die Entwicklung und Erprobung des an niederländischen Erfahrungen orientierten Konzeptes Ambulanter Intensiver Begleitung (AIB). (4)

Die Erfahrungen dieser mehr als zehnjährigen Prozessbegleitung sind eindeutig: Trotz berechtigter Kritik in Detailfragen hat sich das neue Kinder- und Jugendhilfegesetz mit seiner Suche nach individuell geeigneter und notwendiger Hilfe, dem festgeschriebenen Wunsch- und Wahlrecht der AdressatInnen und ihre ebenfalls vorgesehene Partizipation bei allen Schwierigkeiten in Einzelfällen bewährt und ist gegenüber den eingriffsorientierten Strukturen des alten Jugendwohlfahrtsgesetzes ein wichtiger und notwendiger Fortschritt, an dem festgehalten werden muss.

Demgegenüber bedeutet die durch den Hamburger Senat initiierte Wiedereinführung der geschlossenen Unterbringung einen einschneidenden Paradigmenwechsel in der Jugendhilfe. Die Probleme des Jugendhilfesystems mit einer - gemessen an der Gesamtzahl der von den Jugendämtern verfügten Erziehungshilfen - verschwindend geringen Zahl von "schwierigen" Kindern und Jugendlichen, die zweifellos zu tragischen Ereignissen beigetragen haben, werden zum Anlass genommen, die bewährten Grundgedanken moderner Jugendhilfe in Zweifel zu ziehen und durch strukturelle Eingriffe zu unterlaufen.

Die strukturelle Einführung einer geschlossenen Unterbringung stellt eine repressive Drohung gegenüber allen AdressatInnen des Kinder- und Jugendhilfegesetzes dar. Sie verändert grundsätzlich den "Geist" des KJHG. Hier werden nicht mehr gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen und ihren Eltern geeignete und notwendige Hilfen gesucht und vereinbart, sondern zumindest für einen Teil von ihnen in generalpräventiver Absicht angeordnet. Die in einschlägigen Untersuchungen beschriebenen Nebenwirkungen für die Betroffenen wie für das gesamte Jugendhilfesystem werden dabei billigend in Kauf genommen:

  • die Förderung und Verfestigung abweichender Lernprozesse und Verhaltensmuster in den Subkulturen geschlossener Einrichtungen, (5)
  • die einseitige Betonung individueller Verantwortung der Kinder und Jugendlichen durch die damit verbundene Schuldzuweisung,
  • die Betonung des Bestrafungscharakters und ordnungspolitischer Funktionen gegenüber dem Bemühen um Erziehung und Entwicklung,
  • die Schaffung realitätsferner Betreuungssettings, deren Erfahrungen sich nicht oder nur schwer mit dem Leben außerhalb der Einrichtung verknüpfen lassen, (6)
  • die Abschiebung und Verlegung unbequemer AdressatInnen aus anderen Einrichtungen und Hilfeformen in die geschlossene Unterbringung.(7)

Unbeachtet bleiben auch die zahlreichen rechtlichen Bedenken sowie die Erfahrung, dass der mit einer Einweisung in eine geschlossene Unterbringung verbundene Gedanke des Schutzes der Allgemeinheit durch hohe Entweichungsraten ohnehin kaum realisiert werden kann.

Demgegenüber stellen wir fest: Wenn das System der Jugendhilfe einige wenige Kinder und Jugendliche nicht (mehr) erreicht, ist es gemäß den Handlungsmaximen des KJHG Aufgabe der Jugendhilfe, individuell nach besser geeigneten und notwendigen Hilfestrukturen zu suchen. Mit der Intensiven Sozialpädagogischen Einzelbetreuung oder ähnlich intensiven Betreuungssettings steht dafür ein Instrumentarium zur Verfügung. Darüber hinaus steht es den Professionellen in Absprache mit allen Beteiligten frei, individuelle Betreuungssettings zu verstärken und gegebenenfalls durch therapeutische Settings zu ergänzen. Ein struktureller Paradigmenwechsel hingegen verändert das Jugendhilfesystem grundsätzlich. Dies scheint weder notwendig noch angemessen. Wer einen solchen Eingriff dennoch vollzieht, setzt sich dem Verdacht aus, nicht nur mit ungeeigneten Mitteln und Maßnahmen vorgeblich die Probleme der Jugendhilfe im Umgang mit den sog. "schwierigen" Jugendlichen bewältigen zu wollen, sondern vielmehr an die Stelle von Unterstützung und Erziehung Strafe und Marginalisierung setzen zu wollen. Aus dem Blick gerät dabei völlig, dass nicht vorrangig die Kinder- und Jugendlicher schwieriger geworden sind, sondern die Bedingungen ihres Aufwachsens. (8)

Hamburg, im September 2002

Anmerkungen:

(1) vgl. Thomas Klatetzki (Hg.): Flexible Erziehungshilfen, Münster. 1995

(2) Rainer Haferkamp: Ohne Fleiß kein Preis? In Klatetzki: Flexible Erziehungshilfen, Münster 1995

(3) Willy Klawe/ Wolfgang Bräuer: Zwischen Alltag und Alaska - Erlebnispädagogik in den Hilfen zur Erziehung, Weinheim und München 1998 (2.Auflage 2001)

(4) Thomas Möbius/Willy Klawe (Hg.): AIB - Ambulante Intensive Begleitung - Handbuch für eine innovative Praxis in der Jugendhilfe, Münster 2002 (erscheint voraussichtlich Sept. 2002 im Votum-Verlag)

(5) Sabine Pankofer: Freiheit hinter Mauern, Weinheim/München 1997

(6] Christian Wolffersdorff u.a.: Geschlossene Unterbringung in Heimen, München 1996 (2.Auflage)

(7) Werner Freigang: Abschieben oder verlegen? Weinheim und München 1986

(8) vgl.: BMFSFJ: 10. Jugendbericht, Berlin/Bonn 2000, 11.Jugendbericht, Berlin 2002